Der Kindergeburtstag, an dem ich merkte, dass ich nicht mehr kann
Nach außen war es eine legendäre Einhornparty. Für mich wurde sie zum Wendepunkt meiner völligen Überforderung.
Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ausgerechnet der Kindergeburtstag meiner Tochter dazu führen würde, dass ich meinen Burnout erkenne, hätte ich ihn wahrscheinlich für komplett verrückt erklärt.
Aber leider war es genau so.
Seit Wochen und Monaten war ich eigentlich nur noch im Stress.
Voller Einsatz auf der Arbeit. Zwei Fehlgeburten innerhalb kurzer Zeit. Dazu das Wechselmodell mit dem Papa meiner Tochter.
Eine Woche war ich alleinerziehend und in der anderen Woche hatte ich theoretisch Zeit für mich.
Und eigentlich funktionierte das sogar ziemlich gut.
Zumindest dann, wenn man „funktionieren“ damit gleichsetzt, seine Probleme zu verdrängen und sämtliche Gefühle einfach herunterzuschlucken.
Rückblickend betrachtet habe ich genau das gemacht.
Ich funktionierte.
Und ich dachte, es wäre alles in Ordnung.
Es war doch nur ganz normaler Stress
Ich hatte nicht das Gefühl, kurz vor einem Burnout zu stehen.
Da war kein großer Zusammenbruch.
Kein Moment, in dem plötzlich gar nichts mehr ging.
Ich war gestresst. Ja.
Aber sind wir das nicht alle mal?
Ich arbeitete, kümmerte mich um meine Tochter, organisierte meinen Alltag und machte weiter.
Für mich war das ganz normaler Stress.
Bis die Vorbereitungen für den Kindergeburtstag meiner Tochter begannen.
Und wenn ich heute darauf zurückblicke, muss ich sagen:
Ich war eine absolute Perfektionistin.
Ich wollte, dass die Augen meiner Tochter strahlen.
Ich wollte, dass ihr Lächeln an diesem Tag nicht mehr aus ihrem Gesicht verschwindet.
Und ich wollte einen Geburtstag organisieren, über den wir noch Jahre später sprechen würden.
Tja.
Das haben wir definitiv geschafft.
Nur leider aus anderen Gründen, als ich damals gedacht hatte.
Es musste perfekt werden
Wochenlang bastelte, organisierte, kaufte und plante ich.
Jeden Tag gab es irgendetwas zu erledigen.
Noch eine Idee.
Noch eine Kleinigkeit.
Noch etwas, das vorbereitet werden musste.
Und das Verrückte daran?
Es machte mir Spaß.
Ich merkte überhaupt nicht, wie sehr ich mich darin verlor.
Am Abend vor dem Geburtstag saßen mein Freund und ich noch zusammen und bereiteten die letzten Dinge vor. Muffins wurden gebacken, Namensschilder gebastelt, geklebt und gemalt.

Es war bereits ungefähr 23 Uhr.
Am nächsten Morgen mussten wir früh raus, um im Garten alles für die Feier vorzubereiten.
Ich saß am Tisch und bastelte weiter.
Irgendwann wollte ich meinen Freund etwas fragen.
Und plötzlich fiel mir sein Name nicht mehr ein.
Ich saß einfach da.
Der Name eines Menschen, der mir so vertraut war, war plötzlich weg.
Gleichzeitig merkte ich, wie leer und schwach ich mich fühlte.
Mein Freund sah mich an und sagte mir, wie blass und fertig ich aussehen würde.
Und trotzdem?
Machte ich weiter.
Es musste schließlich noch alles fertig werden.
Danach wollte ich wenigstens noch ein paar Stunden schlafen.
Und am nächsten Morgen funktionierte ich wieder
Am nächsten Tag schien es mir zunächst wieder besser zu gehen.
Also machte ich weiter.
Wir bereiteten den Garten vor.
Es gab eine Hüpfburg. Alles wurde passend zum Motto dekoriert und geschmückt. Mein Freund spielte das Einhorn, dessen Schatz die Kinder suchen mussten.
Ich bekam sogar Hilfe bei den Vorbereitungen.
Und trotzdem musste ich überall noch einmal selbst ran.
Hier etwas korrigieren.
Dort noch einmal schauen.
War es wirklich schön genug?
Stand alles richtig?
Hatte ich an alles gedacht?
Es musste perfekt sein.
Zumindest in meinem Kopf.
Und dann kamen die Kinder.
Niemand hat etwas gemerkt

Die Augen meiner Tochter und ihrer Freunde leuchteten.
Sie lachten.
Sie tobten.
Sie hatten wahnsinnig viel Spaß.
Genau das, was ich mir gewünscht hatte.
Direkt im Anschluss kamen die nächsten Gäste und wir feierten mit der Familie weiter.
Ich unterhielt mich.
Ich lächelte.
Ich beantwortete Fragen.
Und wenn jemand fragte, wie es mir ging?
Dann war natürlich alles gut.
Ich freute mich über die Komplimente für die Dekoration und die Organisation.
Und ich war wirklich glücklich darüber, meine Tochter so glücklich zu sehen.
Das war nicht gespielt.
Und genau das ist etwas, das ich heute so wichtig finde.
Mentale Erschöpfung bedeutet nicht, dass in diesem Moment keine Freude mehr existieren kann.
Ich konnte mich über meine Tochter freuen.
Ich konnte lachen.
Ich konnte Gespräche führen.
Und gleichzeitig war ich innerlich vollkommen erschöpft.
Von außen konnte das niemand sehen.
Ich selbst hatte es schließlich bis kurz vorher nicht einmal verstanden.
Erst danach merkte ich, wie wenig von mir noch übrig war
Der Abend zuvor ließ mich nicht los.
Dazu kamen die Kopfschmerzen.
Diese Leere.
Die Erschöpfung.
Und plötzlich bemerkte ich immer stärker, dass etwas nicht stimmte.
Jede Kleinigkeit, die nicht funktionierte, stresste mich.
Entscheidungen überforderten mich.
Ich konnte mir kaum noch etwas merken.
Ich konnte mich nicht richtig konzentrieren.
Ich war einfach nur müde.
Nicht dieses „Ich könnte mal wieder ausschlafen“-müde.
Sondern erschöpft.
Mental und körperlich.
Da wusste ich:
Das ist nicht mehr normaler Stress.
Ich ging zum Arzt.
Ich wurde zunächst krankgeschrieben und bekam eine Überweisung zur Psychotherapie. Der Verdacht: Überforderungssyndrom.
Und dieser Verdacht bestätigte sich.
Der Kindergeburtstag war nicht das Problem
Das ist mir heute besonders wichtig.
Der Geburtstag meiner Tochter hat meine Überforderung nicht verursacht.
Er war nur die Spitze des Eisbergs.
Darunter lagen Monate voller Stress.
Gefühle, die ich nicht gefühlt hatte.
Erfahrungen, die ich nicht verarbeitet hatte.
Der Anspruch an mich selbst, weiterzumachen.
Zu funktionieren.
Alles hinzubekommen.
Und vielleicht auch der Gedanke, dass ich erst eine Pause verdient hätte, wenn wirklich gar nichts mehr geht.
Nach diesem Geburtstag konnte ich das nicht mehr ignorieren.
Ich begann eine Therapie.
Ich bekam Werkzeuge an die Hand, mit denen ich lernen konnte, anders mit meinen Gefühlen, meinem Stress und meiner Überforderung umzugehen.
Und ich begann langsam, mein Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.
Heute gibt es trotzdem Kindergeburtstage
Und ja:
Meine Tochter bekommt natürlich weiterhin ihre besonderen Geburtstage.
Ich liebe es noch immer, Dinge für meine Kinder vorzubereiten.
Ich dekoriere.
Ich plane.
Ich möchte ihre Augen strahlen sehen.
Aber ich möchte mich dafür nicht mehr selbst kaputtmachen.
Es muss nicht alles perfekt sein.
Ich darf Hilfe annehmen.
Ich darf etwas kaufen, statt es bis nachts um 23 Uhr selbst zu basteln.
Und ich darf sagen:
Es reicht jetzt.
Denn meine Tochter braucht am Ende keine perfekte Geburtstagsparty.
Sie braucht ihre Mama.
Vielleicht erkennst du dich gerade wieder
Ich weiß, dass da draußen Mamas und Papas sind, die genauso funktionieren.
Die morgens aufstehen und weitermachen.
Die Kinder versorgen.
Arbeiten.
Organisieren.
Geburtstage planen.
Lächeln.
Auf die Frage „Wie geht es dir?“ mit „Gut, und dir?“ antworten.
Und bei denen von außen niemand sieht, wie erschöpft sie eigentlich sind.
Vielleicht wissen sie es selbst noch nicht einmal.
Genau deshalb erzähle ich meine Geschichte.
Nicht, weil ich heute alles richtig mache.
Und auch nicht, weil ich die perfekte Lösung für Überforderung gefunden habe.
Sondern weil ich heute weiß, wie leicht man sich selbst verlieren kann, während nach außen noch alles vollkommen normal aussieht.
Wenn du dich darin wiedererkennst, nimm dieses Gefühl ernst.
Du musst nicht erst völlig zusammenbrechen, bevor du dir erlaubst, Hilfe anzunehmen.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich heute sogar dankbar auf diesen Geburtstag zurückblicken kann.
Er war wunderschön.
Meine Tochter war glücklich.
Unsere Gäste waren glücklich.
Und gleichzeitig hat dieser Tag mich wachgerüttelt.
Vielleicht wäre ich sonst noch viel länger in diesem Kreislauf aus Stress, Druck, verdrängten Gefühlen und Perfektionismus geblieben.
Manchmal sieht Burnout eben nicht nach Zusammenbruch aus.
Manchmal trägt Burnout ein Einhornkostüm.
